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Drei Tage in Cognac: La Part des Anges

Drei Tage in Cognac: La Part des Anges

November 6, 2011 |  by  |  Zutaten  |  Share

Ende Juni diesen Jahres erreichte mich eine Einladung von David Ecobichon vom Cognac Büro (deutsche Repräsentation des BNIC) zu La Part des Anges in Cognac, Frankreich. Schon zum sechsten Mal trafen sich zu dieser Veranstaltung Vertreter von Cognac Häusern, Weinbauern, Pressevertretern und weiteren Gästen um für wohltätige Zwecke einige sehr alte oder seltene Cognac-Abfüllungen zu versteigern. In den fünf Jahren seit der ersten “Der Anteil der Engel”-Auktion ist die Gästeanzahl mittlerweile auf ca. 650 Personen angestiegen, was den Abend auch unabhängig vom wohltätigen Zweck zu einer wichtigen Veranstaltung der ganzen Cognac-Industrie macht.

Zusätzlich waren für diese “Pressereise” Besichtigungen von mehreren Cognac-Häusern und einer Küferei geplant, was das Ganze für mich erst richtig interessant werden ließ. Ich hatte zwar bis zuletzt noch leichte Zweifel, ob es nicht, etwas überspitzt ausgedrückt, eine marketinglastige Kaffeefahrt werden sollte, doch diese wurden sehr schnell beseitigt!

Was ist Cognac?

Der Begriff Cognac beschreibt in Frankreich dreierlei Dinge: die Spirituose, die Stadt und die Region. Die Stadt Cognac liegt ca. 465 km südlich von Paris bzw. ca. 120 km nördlich von Bordeaux, besitzt ca. 20000 Einwohner und kommt genauso daher, wie man (bzw. ich) sich eine französische Kleinstadt vorstellt:  Die Region in der Cognac hergestellt werden darf, ist in sechs Crus unterteilt: Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fins Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires. Diese sind, wie zahlreiche weitere Kriterien der Herstellung, streng im französischen Gesetz verankert. Mittlerweile hat sogar China und Indien Cognac als geschützten Herkunftsbegriff anerkannt.

Karte der Region Cognac

Karte der Region Cognac (Quelle: BNIC)

Für die Cognac Produktion dürfen nur folgende Rebsorten verwendet werden: Colombard, Folle Blanche, Montils, Ugni Blanc, Sémillon und Folignan (letztere jedoch mit Beschränkung auf 10% der Rebfläche pro Betrieb). Überwiegend verwendet wird allerdings heutzutage Ugni Blanc, welche 98% der Rebflächen ausmacht. Hauptgrund hierfür ist die natürlich höhere Resistenz gegen die Reblaus Phylloxera vastatrix, welche in den siebziger Jahren des 19ten Jahrhunderts einen Großteil der traditionell bepflanzten Weinberge zerstörte (Folle Blanche, Colombard, …) und den Cognac-Betrieben schweren Schaden zufügten.

Destilliert wird der gewonnene Wein zwei Mal mit Hilfe von Charentaiser Brennblasen (Pot Stills), die noch mit Gas und nicht indirekt mit Dampf erhitzt werden. Eine Brennblase darf maximal ein Fassungsvermögen von 30 Hektolitern besitzen, wogegen die Füllmenge beim zweiten Brennvorgang, dem Feinbrand, auf 25 Hektoliter begrenzt ist. Das Destillat darf nach der zweiten Destillation einen Alkoholgehalt von maximal 72% aufweisen.

Gelagert darf das Destillat nur in zwei Sorten von Hölzern: in Traubeneiche aus Tronçais Wäldern (feinporig, Hochwald) und in Stieleiche (grobporig, Mittelwald) aus  Limousin Wäldern. Im Gegensatz zu Rum und Whisky ist es keine Seltenheit, dass Cognac mehr als 40, 50 oder gar 60 Jahre gelagert wird. Überraschenderweise waren die meisten der sehr alten Cognacs, die ich auf der Reise probieren konnte meistens noch nicht vom Holz dominiert, wie ich das schon bei vielen Rums und zum Teil auch Whiskys erlebt habe. Die verwendeten Fässer fassen üblicherweise um die 350 Liter

Wer mehr über die Geschichte und Herstellung von Cognac erfahren möchte, sollte sich die Website Pedia Cognac anschauen. Diese diente als Quelle für diese kurze Zusammenfassung und beschreibt das Thema um ein vielfaches detaillierter. Pedia Cognac wird vom BNIC – Bureau National Interprofessionnel du Cognac betrieben. Diese Organisation wird von allen Cognac-Häusern und Weinbauern der Region finanziert (abhängig von der verkauften Menge) und kann als Berufsverband angesehen werden, der mit der Öffentlichkeitsarbeit und Regulierung rund um das Thema Cognac vertraut ist.

Courvoisier

Erste Station der Reise war ein Besuch mit Führung, Tasting und Abendessen im Hause Courvoisier. Die ersten beiden Punkte waren leider sehr dominiert vom Firmenmarketing, auch wenn das Tasting an sich eine große Auswahl an Abfüllungen bot. So wurden neben den Standardabfüllungen auch unverdünnte Proben von verschiedenen Lagerungsstufen des Courvoisier Cognacs präsentiert, welche einen schönen Eindruck über die Reifung des Eau de Vie vermittelten. Bedauerlicherweise fand ich die Courvoisier Abfüllungen für meinen Geschmack alle etwas zu süß und gefällig. Dies mag eventuell daher kommen, dass Courvoisier lediglich mit Winzern der Region zusammenarbeitet, die nach strengen Vorgaben Trauben anbauen und das Eau de Vie destillieren, welches bei Courvoisier gelagert, geblendet und abgefüllt wird. Die Qualität der Brände ist andererseits jedoch schon fast beeindruckend, wenn man überlegt, welche Menge die großen Häuser absetzen.

Zum Essen wurden zwei äußerst passende Abfüllungen der Connaisseur Kollektion gereicht, welche deutlich individueller erschienen als die Standardabfüllungen des Hauses und als einige der wenigen Cognacabfüllungen ein konkretes Alter ausgewiesen haben. Gerade das Carpaccio de Saint-Jacques mit Courvoisier 12 konnte sehr begeistern, auch wenn ich eigentlich nicht der große Meeresfan bin, wenn es ums Essen geht.

L'Essence de Courvoisier

L'Essence de Courvoisier

Als Highlight des Abends wurde zudem noch die High End Abfüllung L’Essence de Courvoisier in einem eigens eingerichteten Keller vorgestellt und zu meiner Überraschung auch zur Verkostung angeboten. Dieser besteht aus über hundert einzelnen Cognacs, welche im Verlauf des letzten Jahrhunderts destilliert wurden. Eine Geschmacksbeschreibung möchte ich mir bei einem solchen komplexen Blend anhand von einem kleinen Glas natürlich nicht anmaßen, jedoch konnte er sich von den restlichen Standardabfüllungen vor allem durch die Intensivität und stark reduzierte Süße abheben. Preislich gesehen ist solch eine Abfüllung für Normalsterbliche natürlich nicht vertretbar. Vor allem wenn man sich überlegt, welche Menge an normal bepreisten Spirituosen für nur eine Flasche L’Essence erwerbbar wären. Nichtsdestotrotz gehörte dieser Tropfen, unabhängig vom Preis, mit seiner großen Komplexität und sehr, sehr langem Nachhall eindeutig zu den besten Cognacs der Reise. Bei jedem Schluck entdeckte man diesen Brand quasi neu und schmeckte ihn noch lange nach Leeren des Glases am Gaumen.

Weitere Informationen zu Courvoisier: courvoisier.com

Küferei Vicard

Erster Termin am zweiten Tag war nicht bei einem Cognac-Haus, sondern bei der Küferei Vicard, welche sich am Rande von Cognac befindet. Schnell zeigte sich bei dieser Werksbesichtigung, dass die Herstellung von Fässern nicht einfach aus dem auseinander Sägen von Baumstämmen besteht, sondern hierbei auf eine Vielzahl an Faktoren geachtet werden muss. So sind zum Beispiel nur ca. 30% des ursprünglichen Holzes geeignet, um daraus Dauben herzustellen. Innerhalb von zwei bis drei Stunden wurde unserer Gruppe jeder erdenkliche Aspekt der Produktion vorgestellt und jede aufkommende Frage mit Freude beantwortet. Aus diesem Grunde wird es zu Vicard innerhalb der nächsten Wochen einen extra Artikel geben, der die Herstellung von Fässern im Allgemeinen detailliert beschreibt.

Tonnelleries Vicard

Tonnelleries Vicard

Weitere Informationen zu Vicard: groupe-vicard.com

Camus

Camus ist unter den Cognac Häusern das fünft größte, ist von diesen jedoch das einzige Unternehmen, das noch in Familienbesitz ist und nicht von einem der Global Player geführt wird. Zusammen machen die fünf großen Häuser ca. 80% des Cognac-Marktes aus. Leider war die Führung an sich ähnlich Marketing orientiert wie bei Courvoisier und fokussierte sich fast ausschließlich auf die Geschichte des Hauses und erwähnte die eigentliche Produktion des Cognacs nur am Rande.

Ile de Ré Cognac

Ile de Ré Cognac (Quelle: DrinkSpirits.com)

Dafür gab es einige ungewöhnliche Cognacs von der Insel Ile de Re zum probieren. Diese stellt den westlichsten Teil der Region dar und unterscheidet sich in Klima und Bodenbeschaffenheit signifikant von den restlichen Gebieten. So enthalten die Trauben einen stark erhöhten Salz und Jodanteil, was auch in den gelagerten Abfüllungen deutlich schmeckbar ist. Am ehesten sind die Ile de Re Cognacs mit Whiskys der schottischen Inseln zu vergleichen, welche ebenso von der Meeresnähe stark beeinflusst werden. Beim Mittagessen wurde einer dieser Abfüllungen mit geräuchertem Lachs und etwas Salat kombiniert, was durch den salzigen Geschmack eine überaus interessante und passende Paarung darstellte.

Weitere Informationen zu Camus: Camus.fr, DrinkSpirits.com

Pierre Ferrand und Jean Grosperrin

Besonders gefreut habe ich mich schon vor der Reise auf den Besuch bei Pierre Ferrand, welche unter anderem auch die Rumserie Plantation vertreiben und den gelagerten Jahrgangsgin Citadelle herstellen. Was soll ich sagen, Begeisterung pur! Ferrand befindet sich komplett in Familienbesitz und erledigt von dem Anbau der Weintrauben, über die Destillation des Weines, bis zur Lagerung und Abfüllung des Cognacs alles selbst. So wurden wir auch direkt in der Destillerie empfangen und nicht in einem extra vorbereiteten Besucherzentrum – eine willkommene Abwechslung. ;-) Hier hörten wir auch zum ersten Mal Details zur Produktion des Cognacs und konnten den frisch gepressten Saft der gerade geernteten Weintrauben probieren. Der Beginn der Ernte fand dieses Jahr außerordentlich früh statt, normalerweise wird erst Mitte-Ende Oktober und nicht schon Anfang-Mitte September mit der Traubenlese begonnen. Nach einer kurzen Besichtigung der nahe gelegen Weinberge konnten wir einige Cognacs direkt aus den Fässern im Keller neben der Destillerie probieren. Hier sah man ebenso, dass nichts extra für Besucher hergerichtet oder gar eingerichtet wurde – Spinnweben wohin das Auge reichte.

Weinreben @ Pierre Ferrand

Weinreben @ Pierre Ferrand

Ähnlich sah das auch bei dem in Chermignac ansässigen Unternehmen Jean Grosperrin aus. Im Gegenzug zu Camus, Courvoisier und Ferrand handelt es sich bei Jean Grosperrin nicht um einen Hersteller von Cognac, sondern “nur” um einen unabhängigen Abfüller, der sich vor allem auf Jahrgangs-Cognac spezialisiert hat. Hierzu kauft Guilhem Grosperrin und sein Team alte Fässer von Cognac-Häusern oder privaten Personen ein, lagert diese bis zur “optimalen Reife” in eigenen Lagerhäusern und füllt diese ohne Kältefiltrierung oder Hinzufügen von Zusätzen in Fasstärke bzw. in sanft reduzierter Trinkstärke unter eigenem Label ab. Erschwert wird dies bei Jahrgangsabfüllungen dadurch, dass ein lückenloser Altersnachweis vorhanden sein und das Destillat zudem eine Radiokohlenstoffdatierung bestehen muss. Auch hier war die Führung sehr authentisch, ehrlich und die verkosteten Cognacs eine wahre Freude.

Jean Grosperrin Cask Wax

Jean Grosperrin Cask Wax

Um diese beiden kleinen Cognac-Betriebe entsprechend zu würdigen, wird es zu Ferrand und Grosperrin jeweils einen extra Artikel geben, die in den nächsten Wochen/Monaten erscheinen werden. So viel sei schon gesagt, die Abfüllungen von beiden Unternehmen stellten für mich (und auch für einige der Mitreisenden) die absoluten Highlights der Reise dar!

Weitere Informationen zu Pierre Ferrand und Jean Grosperrin.

La Part des Anges

Am letzten Abend fand der eigentliche Grund der Reise statt: La Part des Anges. Wie Eingangs schon erwähnt treffen sich hier Vertreter der ganzen Industrie um die Spenden von, in diesem Jahr, 25 Cognac Häusern in Form von speziellen Abfüllungen zu Versteigern. Der ganze Event war in großem Stil aufgezogen und ich muss ehrlich zugeben, es war beeindruckend wie 650 Gäste mit Essen versorgt wurden und welcher Aufwand im Allgemeinen betrieben wurde. Im Gegenzug wurde bei der Auktion eine Gesamtsumme von 106000€ erreicht, welche an den Malteserorden und den lokalen Verein „Aurore“ gespendet werden. Die teuerste Flasche wurde von Frapin gestiftet, welche alleine 15000€ einbrachte (im Gegenzug aber auch 5L Inhalt bot). Eine kurze Vorstellung aller versteigerten Cognacs findet ihr auf der Website La Part des Anges.

La Part des Anges

La Part des Anges (Quelle: BNIC)

Fazit

Interessant, wie drei Tage die Meinung gegenüber einer Spirituose verändern kann. Bisher war Cognac für mich hauptsächlich als Mixspirituose relevant, da er zum puren Genuss nicht genug Abwechslung bot. Dies bestätigte sich Größtenteils bei dem Besuch von Courvoisier, jedoch konnten Camus, Ferrand und Grosperrin mich eines Besseren belehren. Cognac kann auch ganz anders aussehen: kraft- und charaktervoll, in Fassstärke mit Ecken und Kanten oder auch mit salzigen Aromen. Zwar wird mit Sicherheit immer noch nicht die Bandbreite von Rum oder Whisky erreicht, aber genug um Cognac für mich reizvoll zu machen. ;-)

La Part des Anges

La Part des Anges (Quelle: BNIC)

Mein Dank geht zum Abschluss dieses Artikels an David vom Cognac Büro für die Einladung zu dieser Reise. Ich konnte viele Eindrücke über die Region, die Häuser und Cognac an sich gewinnen, die man durch reine Recherche einfach nicht sammeln hätte können. Allein die französische Freude fürs Essen einmal hautnah und in diesem Umfang zu erleben war eine wahre Freude. Natürlich sollte auch ein gewisser Werbeeffekt bezweckt werden, aber solange die Qualität stimmt, bin ich gerne dabei. ;)

Unter den Teilnehmern der Reise befanden sich unter anderem: Kulinariker, Cocktail Chronicles, Cellarblog, und Winepaper.

Weiterführende Links

Wer mehr rund um Cognac erfahren möchte, sollte sich folgende Webseiten genauer anschauen:

 

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