Cocktails Old Fashioned

Thoughts of a mixology novice

Smith & Cross

Smith & Cross

August 11, 2010 |  by  |  Cocktails, Zutaten  |  Share

“Traditional Jamaica Rum” – große Worte für eine so unauffällige Flasche Rum.

Aber der Reihe nach. Dieses Mal geht es um ein Destillat der Marke Smith & Cross. Dahinter steckt eine bewegte Vergangenheit:  Die beiden Produzenten Smith & Tyers und White Cross haben vom 19. Jahrhundert bis in die 1960er auf Jamaika Rum aufgekauft, diesen nach London gebracht, dort verschnitten und als “Traditional Jamaica Rum” weiter verkauft. Die Marke selbst kann Wurzeln bis 1788 zurück datieren, mit einer Zuckerraffinerie in der Themse Street Nr. 203, gelegen in der Nähe der London Docks. Schon bald stiegen sie zu bekannten Rumhändlern auf und besaßen ausgedehnte Lager entlang der Themse.

In der damaligen Zeit ging alles ein wenig rauer zu als heutzutage. Durch verschiedene Mode- und Gesundheitswellen ging der Trend zu immer leichteren Spirituosen, neue Destilliermethoden (Column-Stills) ermöglichten zudem rundere, klarere Brände, die natürlich zu Lasten des Geschmacks gingen.

Heutzutage rollt die Welle der klassischen Cocktails unaufhörlich weiter, man besinnt sich wieder auf traditionelle Rezepte und Zutaten. Von den Meisten nicht direkt mit “klassischen Cocktails” assoziiert, aber durchaus in dieser Zeitspanne einzuordnen, sind Tiki-Drinks. Aromatische und starke Zutaten sind im Umfeld des Tikis natürlich unumgänglich und auch hier taucht der Wunsch des Cocktailnerds, Connaisseurs oder schlicht und ergreifend Liebhabers der Authentizität auf, Cocktails wie Don oder Trader Vic möglichst original nachzuschütteln.

Was also tun? Klar, Appleton Extra, El Dorado 12, Sea Wynde, Pusser’s – aromenstarke Rums gibt es massig. Doch trifft man damit wirklich die klassische Note? An dieser Stelle fällt ein Name, der bei Cocktailinteressierten leuchtende Augen hervorrufen dürfte: David Wondrich. Historiker in allen “flüssigen” Bereichen und Autor von Imbibe! Dieser war zusammen mit Hayman Ltd. die treibende Kraft zur Wiedereinführung des Smith & Cross-Rums.

Hayman’s hängt insofern mit Smith & Cross zusammen, als dass die ursprünglichen Unternehmen Smith & Tyers und White Cross sich unter dem Dach von Burroughs (damals bekannt als Produzent von Beefeater) firmierten.

Soweit die Geschichte des Herstellers, aber es soll um den Rum gehen. Als dieser noch stark und heftig war, gab es auf Jamaika drei Kategorien:

  1. “Local Trade Quality” – Wie der Name schon sagt, Rum für den lokalen Markt.
  2. “Export Trade Quality” – Hauptsächlich bestehend aus einem für den deutschen Markt produzierten “High Continental”-Stil mit hohem Ester-Anteil (siehe Pott, Balle, etc.).
  3. “Home Trade Quality” – Für den Konsum in Großbritannien und den USA (Jamaika war schließlich britische Kolonie). Bevorzugter Stil: Wedderburn und Plummer.

Destillate im Wedderburn-Stil hatten bzw. haben den Ruf schwer und körperreich zu sein, Plummer war hingegen eher von mittelstarkem Charakter. Beide werden aus einer Kombination von Melasse, Skimmings, Zuckerrohrsaft und Sirupüberresten der Zuckerproduktion sowie dem Hefeschaum der vorherigen Rumproduktion hergestellt. Jamaikanische Tradition ist dabei die Verwendung von regionalstämmigen Hefen im Fermentationsprozess.

Um einen authentischen Rum herzustellen, griffen die heutigen Produzenten von Smith & Cross auf einen ungefähr gleichteiligen Blend zwischen nur kurz gereiftem Wedderburn-Rum (weniger als 12 Monate) und 18 Monaten und 3 Jahre in Weißeiche gereiften Plummer-Rum zurück. Längere Reifezeiten sollen laut Hersteller nur Aromen dämpfen und eine zu starke Holznote einfließen lassen.

57% Vol. Alkoholgehalt – Navy Strength – ist eine Ansage und unterstreicht den historischen Charakter des Rums. Damals forderte die Navy nämlich just jenen Alkoholgehalt in ihrem Navy Rum (Achtung: Nicht mit diesem zu verwechseln!), gleichzeitig war es die bevorzugte Stärke zur effizienten Beförderung über die Weltmeere.

Smith & Cross ist kein Sipping-Rum, möchte es gar nicht sein und gibt dies offen auf seiner Website zu. So tut man sich gut daran, dem Rum ein wenig Zeit zum Öffnen zu geben, die Nase sowie den Gaumen auf das bevorstehende Geschmackserlebnis vorzubereiten und dann zu verkosten.

Smith & Cross: Verkostungsotizen

  • Erscheinungsbild: Bernsteinfarben bis zum Dunkelgold. Schwere und anhaltende Schlierenbildung, kaum Reflexionen.
  • Geruch: Stark. Überraschende Honig- und Rosinennoten, zwar süßlich mild, aber doch intensiv mit unterschwelliger Schärfe (“Schwere Süße”?). Leicht nach getrockneten Früchten (Pflaume), ein wenig dumpf.
  • Geschmack: Kein Sipping-Rum! Brachiale Kraft, besonders, wenn ein wenig zu viel an den Gaumen kommt.
    Auf der Zunge süßlich und leicht kribbelnd. Am Gaumen dumpfe Melassetöne, die Rosinennoten zeigen sich wieder.
  • Nachhall: Im recht langen und sehr wärmenden Abgang (man kann den Weg des Rums in der Speiseröhren nachfühlen) kaum definierbares Aroma.

Name: Informationen zur Abfüllung

  • Spirituosentyp: gereifter Blended Pot-Still Rum aus Melasse
  • Herkunft: Jamaica
  • Abfüller: Smith & Cross Ltd.
  • Alter: keine Angabe
  • Alkoholgehalt: 57%
  • Preis: 29$ (0,7l)

Name: Fazit

  • Wer diesen Rum gerne pur trinkt, hat ebenso eine Vorliebe für’s Schlafen auf einem Nagelbrett. So schön er auch riecht, er muss einfach in Cocktails verkostet werden.
  • 9 von 10 Old Fashioneds Old Fashioneds

Wahre Stärke zeigt dieses wunderbare Tröpfchen also erst im Cocktail. Die Website liefert dazu schon schöne Anregungen. Einen greife ich auf und teste im Rum Sour – denn nichts anderes ist der “Jamaica Rum Daquiri” (sic!) – und im Gold Cup.

Rum Sour*

  • 3cl Limettensaft (frisch gepresst)
  • 2cl Rohrzuckersirup (Giffard)
  • 5cl gereifter Rum (Smith & Cross)
  • Auf Eis alle Zutaten schütteln und auf einen riesigen Eiswürfel in einen Tumbler seihen. Limettenscheibe als Dekoration dazugeben und inklusive Trinkhalm servieren.

*Prinzipiell bevorzuge ich 6:3:2-Sours, auf Grund des starken Rums wird jedoch dieser Anteil heruntergeschraubt.

Traumhaft. Jeder kräftige Rum Sour wird sich daran messen lassen müssen. Optisch zwar unscheinbar, geruchlich aber ein voller Erfolg. Der Rum verdrängt ein wenig die anderen Komponenten, jedoch auf sehr eloquente Weise. Leichte Schärfe verbindet sich mit dem süßen Charakter des Smith & Cross, der hat Power! “Woah!” Auf der Zunge zeigt sich der Sour süß, am Gaumen folgen zwei völlig verschiedene, jeweils subtile Rumaromen. Die ersten sind typisch kräftig jamaikanisch, mit starken Melassetönen, die darauffolgenden Aromen transportieren getrocknete Früchte und eine erstaunlich leichte Holznote an den Gaumen. Der eher kurze, prägnante Abgang ist geprägt von ausgeglichener Säure und unaufdringlichem Rum.

Gold Cup

  • 2.25cl Limettensaft (frisch gepresst)
  • 2.25cl Rohrzuckersirup (Giffard)
  • 1.5cl Maraschinolikör (Luxardo)
  • 4.5cl gereifter jamaikanischer Rum (Smith & Cross)
  • 1BL Absinth
  • 3 Tropfen Mandelextrakt (typische US-Zutat, ich nehme ein wenig Orgeat von Giffard)
  • Die Zutaten auf Eis schütteln und in eine Champagnerschale seihen. Mit einer Eishülle* servieren.

*Erklärungen werden noch folgen.

Gold Cup – ein typischer Tiki-Drink mit entfernter Verwandtschaft zu Beachcomber’s Gold. Verlangt nach jamaikanischem Rum, hat aromatische Gegenspieler, der müsste doch perfekt für den Smith & Cross sein.

So war es dann auch. Optisch wieder unspektakulär, doch in der Nase erzeugen Rum und Maraschinolikör etwas Wunderbares. Gewisse Säure schwingt im Geruch mit, ein Hauch Mandel. Geschmacklich wird all dies bestätigt. Der Drink zeigt seine wahre Stärke erst am Gaumen und im Abgang. Die Zunge nimmt ein zuckeriges Aroma wahr, der Gaumen beginnt mit Limette und Maraschino. Jetzt setzt jedoch der Rum ein und erzeugt mit einem diffusen Kräutergeschmack des Absinths eine interessante Melange.
Mandelnoten dominieren den mittellangen Abgang, werden durch den herben Maraschinolikör jedoch eingefangen.

Einziger Kritikpunkt: Durch den teils süßlichen Charakter des Smith & Cross und der Verwendung von Orgeat anstatt Mandelextrakts, ist der Drink ein klein wenig unausgeglichen, der Anteil des Rohrzuckersirups sollte auf 1.8cl bis 2cl reduziert werden.

Ein berühmter Cocktail fehlte im Test, obwohl er doch für den Mai Tai prädestiniert sein müsste: Der Mai Tai! Diesen hebe ich mir, in Zusammenhang mit einer größeren Sache, jedoch bewusst bis zu einem späteren Zeitpunkt auf.

Nach diesem Lob kommt ein herber Rückschlag: Die Verfügbarkeit in Deutschland ist momentan mehr als schlecht. Bis vor kurzem konnte man ihn immerhin selbst über US-Shops bestellen, diese haben aber den Versand ins Ausland, auf Grund neuer rechtlicher Vorgaben, eingestellt. Die Zukunft wird zeigen, ob sich eine verlässliche Quelle auftun wird.

Update: Inzwischen hat sich – wie erstmals in den Kommentaren angekündigt – ein Importeur aufgetan und vertreibt diesen tollen Rum für einen fairen Preis.

Die oben genannten Informationen entspringen teils der Website des Importeurs, privatem eMail-Kontakt mit ebendiesem und dem Ministry of Rum-Forum.

 
7 Kommentare
  1. Ruben Neideck

    Hast du schonmal den hier probiert?
    http://www.getraenkewelt-weiser.de/product.php/pid/2704/Rum/Long-Pond-Single-Rum-0-7-ltr-.html

    Schmeckt meiner Meinung nach dem Smith & Cross sehr ähnlich, hat aber den besseren Preis und vor allem die bessere Verfügbarkeit.

  2. Saggin' Jowls Ron

    Steht bei mir zu Hause, konnte mich aber ehrlichgesagt nicht völlig überzeugen.

    Sie sind sich zwar ähnlich, jedoch hatte der Smith & Cross für mich das komplexere Aroma, eine "angenehmere Kraft".

    Im Rahmen der Mai Tai-Reihe hatte ich aber genau so einen Vergleich noch geplant, vielleicht revidiere ich dann meine Meinung. ;-)

  3. Guido Klaumann

    und es dauert nicht mehr lang, dann wird Smith & Cross in Deutschland bei Sierra Madre erhältlich sein, wenn alles reibungslos läuft im Februar / März 2011

  4. Saggin' Jowls Ron

    Guten Abend Herr Klaumann,

    das sind ja sehr erfreuliche Nachrichten!
    Handelt es sich hier gerade um mehr oder minder inoffizielle Informationen oder wird es in den nächsten Tagen noch eine "amtliche" Pressemitteilung geben?

  5. Guido Klaumann

    Wenn es soweit ist wird es eine Pressemitteilung geben, sicherlich aber spätestens im März auf der Prowein da wir dort mit Hayman´s einen Stand haben

  6. Das sind ja fantastische Nachrichten Herr Klaumann! Die Rumtrinken schlagen allesamt Saltos!

  7. Saggin' Jowls Ron

    Ich freue mich schon! Ich weiß schon, was es Freitag für einen Drink geben wird. :-)
    Zur Vervollständigung auch hier der Link zu Herrn Meyer und ungefähren Preisen für die Gastronomie: 20€ / Flasche! –> http://www.jrgmyr.com/2011/01/bar-buzzzzzz-smith-cross-rum-ab-marz.html

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