Cocktails Old Fashioned

Thoughts of a mixology novice

Beachbum Berry Remixed

Beachbum Berry Remixed

July 16, 2010 |  by  |  Bücher  |  Share

Via Jörg Meyer wurde ich auf diesen Artikel über die Bartrends 2010 auf Eater New York aufmerksam gemacht. (Eater ist eine Website, welche über Bars, Restaurants und über das Nachtleben in New York berichtet sowie ganz bescheiden behauptet “If it’s not on Eater, you don’t have to know about it”.)

Punkt 1 – Rum (und etwas weiter gefasst Tiki Bars) – liegt mir persönlich natürlich besonders am Herzen. In diesem Zusammenhang dreht sich dieser Eintrag um den Wegbereiter der erneuten Tiki Welle. Um Jeff Berry und um seinen neuesten Streich, Beachbum Berry Remixed.

Jeff Berry veröffentlichte 1998 “Beachbum Berry’s Grog Log” und löste damit langsam die Wiedergeburt von Tiki Drinks aus. 2002 folgte “Intoxica!”. Das nun veröffentliche Buch fasst beide Bücher zusammen und präsentiert sie in überarbeiteter Form. Abgesehen von der Tatsache, dass gerade Intoxica! zu horrenden Preisen gehandelt wird und somit die dort veröffentlichten Cocktails eher unzugänglich geworden sind, wurde ein Großteil der Rezepte bezüglich der Menge, der Zubereitungsart und der Zutaten angepasst und verbessert.

So gehören Rezepte, die nach Sour-Mix verlangen, nun der Vergangenheit an und Unklarheiten bezüglich der Mengenangaben wurden restlos beseitigt. Selbst die berühmte “Barschaufel mit Eis” wurde durch eine explizite Angabe ersetzt, auch wie lange ein Cocktail im Blender bleiben muss wird mit Sekundenangaben erläutert. Gleichzeitig wurden die Cocktails hinsichtlich ihrer Zubereitungsart (“geschüttelt oder im Blender?”, “auf frisches Eis strainen oder alles in das Gästeglas geben?”) vom Autorenteam verglichen und die “Sieger” präsentiert. An dieser Stelle steht es natürlich jedem frei zu variieren – auch wenn es bei Tiki Drinks teils üblich ist, keine neuen Eiswürfel zu benutzen, verwende ich beispielsweise stets frische.

Etwas mehr zum Buch: Es ist sehr liebevoll aufgemacht, überall warten kleine Details darauf entdeckt zu werden. Seien es nun zeitgenössische Dekorationsobjekte oder aufwendig inszenierte Tiki Mugs, das ganze Buch erzeugt eine wunderbare Tiki-Atmosphäre. Das Layout und die Illustrationen sehen alle ein wenig chaotisch aus, ergänzen sich zusammen jedoch perfekt. Auf den ersten Seiten erfährt der geneigte Leser, warum dieses Buch nun erschienen ist und anschließend, wie man sich in ihm zurecht findet, denn es gibt einige Indizes (alle Cocktails / bisher unveröffentlichte Cocktails / Cocktails nach Kategorien geordnet / allgemeiner Index). Ein paar spezielle Techniken für Tiki Drinks werden anschließend erläutert.

Das eigentliche Buch teilt sich auf, so dass die Rezepte aus dem Grog Log und Intoxica! nicht durcheinander kommen. Des Weiteren finden sich die komplett neuen Rezepte vom Autor und welche aus der ganzen Welt in einem eigenen Abschnitt wieder. Jeder Teil fängt mit einem Vorwort und ein paar Anekdoten an.

Anekdoten, diese sind ganz wichtig beim Beachbum. Unter sehr vielen Rezepten finden sich Hinweise zur Entstehung, zur Veränderung im Laufe der Zeit und zur Wiederentdeckung. A propos Anekdoten: Mit meinen mittelmäßigen Englischkenntnissen hatte ich zu keiner Zeit Probleme und konnte trotzdem von der sehr humorvollen Sprache profitieren. Also keine Angst vor Englisch! Bei besonders kontroversen oder berühmten Rezepten gibt es eine “Feature”-Seite. Über das Buch verteilt finden sich zum Beachcomber’s Gold, dem Daiquiri, dem Fog Cutter, dem Lapu Lapu, dem Mai Tai, dem Singapore Sling, dem Planter’s Punch und dem Zombie teils seitenlange Erläuterungen.

Erwähnenswert sei zudem noch die recht ausführliche Rumübersicht im Anhang. Dort werden zum Teil eher in den USA beliebte Rumsorten vorgestellt (Cockspur, Barbancourt), aber auch die Charakteristika der Rums aus verschiedenen Ländern. Dies ist eine schöne Hilfe, da in den Rezepten immer klare Angaben über die Herkunft des benötigten Rums gemacht werden. Diese Angaben sind jedoch häufig historisch überliefert. So wird oftmals “Light Puerto Rican Rum” (heutzutage finden sich keine brauchbaren Destillerien mehr für weißen Rum auf Puerto Rico) gefordert und im Anhang erfährt man dann, dass dieser Rum am Besten durch Light Virgin Island Rum (quasi gleichzusetzen mit Cruzan), Flor de Caña Extra Dry oder Mount Gay Special Reserve substituierbar sei.

Wenn man ein wenig im Gedächtnis kramt, kann man auf so etwas natürlich auch von alleine kommen (Assoziationskette: Bacardi – ursprünglich Kuba – dann Puerto Rico – kubanischer Stil ist gefragt – beispielsweise Caney oder zur Abwechslung Rum der Dominikanischen Republik), aber zum schnellen Nachschlagen eine klasse Übersicht. Ähnlich verhält es sich mit der Übersicht von exotischere Zutaten im Anhang – vergleichbar aufgebaut und es werden zum Teil Rezepte für die eigene Herstellung angegeben, etwa für Zimt-Zuckerrohrsirup.

Mit 107 neuen Rezepten (43 Rezepte aus aller Welt / 40 bisher unveröffentlichte Rezepte / 23 Rezepte vom Bum persönlich / 1 mysteriöses Rezept, welches rechnerisch übrig bleibt) und unzähligen überarbeiteten Rezepten stellt sich natürlich die Frage, ob das Verhältnis zwischen Quantität und Qualität gewahrt wurde. Auch hier kann es nur Lob geben. Zwar sind gelegentlich ein paar Ausrutscher dabei (Hawaiien Room sagte mir beispielsweise nur wenig zu), aber das machen schon die Cocktails mit untypischen Spirituosen wie Gin oder Bourbon wieder wett.

Es laden auch gerade die Cocktailrezepte aus den verschiedenen Entwicklungsstadien der Drinks zum Experimentieren und Vergleichen ein. Der Zombie ist zum Beispiel mit sechs Rezepten aus einer Zeitspanne von über 70 Jahren vertreten. Im Zuge dessen wird es hier auch noch einige Veröffentlichungen geben. ;-)

Dieses Buch passt einfach hervorragend in die heutige Zeit (es ist eher ein Vorreiter), in welcher der Fokus von klassischen Cocktails wohl langsam abschweifen wird.

Meiner Meinung nach wäre es sehr wünschenswert, wenn auch in Deutschland die aufkommende Tiki-Welle “einschlagen” würde. Der Charme dieser Drinks liegt einerseits in einem undefinierbaren Kitschfaktor begründet (Tiki Mugs, überbordernde Dekoration, die Namensgebung, die Geschichte) und andererseits in der geschmacklichen Vielfalt. Die passende Literatur ist auf jeden Fall schon vorhanden.

Durch die geschickte Kombination von Säften, Sirup, einer klugen Spirituosenauswahl (hauptsächlich natürlich Rum) und eher ungewöhnlichen Zutaten (Zimt-Zuckerrohrsirup, Honigsirup, Bärenjäger etc.) werden komplexe Aromenbomben geschaffen. Natürlich, es ist ein Riesenunterschied zu den typischen Cocktails, welche in den vergangenen Jahren ein Revival durch die klassische Barkultur erlebt haben. Auch diese sind komplex und diffizil, aber völlig anders gestaltet. Das Schöne ist jedoch: Beide Richtungen kann man ohne schlechtes Gewissen propagieren. Und nach edlen, eleganten Cocktailbars tut eine Tiki Bar mit geordnetem Chaos garantiert richtig gut! ;-)

Zudem hege ich persönlich die kleine Hoffnung, dass Tiki Drinks unbedarften Barbesuchern einen Einblick in die Vielfältigkeit der Cocktailwelt präsentieren, diese darüber hinaus sich ein wenig mit der Materie auseinandersetzen (und sei es nur über Empfehlungen der Bedienung / des Bartenders / der anderen Gäste) und deshalb nicht abgeneigt sind, auch mal eine klassische Bar zu besuchen und die dortigen Drinks kennen zu lernen.

Am Ende würde ich gerne eine explizite Drinkempfehlung aussprechen, dafür sind aber zu viele gute Rezepte veröffentlicht worden. Nach und nach werde ich hier einige vorstellen.

PS: Bezugsquellen sind besser sortierte Buchhandlungen (eine kleinere Buchhandlung vor Ort konnte es für mich nicht ordern…), ansonsten bekommt man es via amazon.de oder buch.de auf jeden Fall. Bei Ersterem habe ich es direkt nach der Veröffentlichung für 19€ gekauft, der US-Preis liegt bei 24,95$ Wartet aber nicht zu lange, dieses Buch darf man schon jetzt als Standardwerk der Tiki Drinks bezeichnen.

PPS: Einen Tiki-Artikel ohne ein einziges Mal die Namen der beiden großen Tiki-Helden zu erwähnen – eigentlich ein Frevel. Allerdings muss ich irgendwo eine Trennlinie ziehen und hebe mir Näheres für einen weiteren Artikel auf.

 

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